Geschlechterrollen in Fantasyliteratur

Ich schreibe und lese Fantasyliteratur. Die Magie, die Metaphern, die Darstellungsmöglichkeiten. All das fasziniert mich. Dazu gehört auch, Geschlechterklischees hinter sich zu lassen. Doch gerade hier hapert es. Ich verstehe das durchaus. Es ist nicht leicht, die eigenen Stereotypen und geschlechterabhängigen Zuschreibungen zu übergehen. Wir sind mit dem Code aufgewachsen, dass Männer stark sind und Frauen schwach, dass kämpfende Frauen nicht mütterlich sind und damit nur halbe Frauen. Geschlechterrollen gehören zu unseren Alltag. Aber auch mit der Idee, dass Männer nicht schwach sein können. Hin und wieder gibt es großartige Gegenbeispiele und ab und an findet sich auch in den besten Büchern ein Klischee.

Die Frau, das schwache Naturwesen – Geschlechterrollen in Fantasyliteratur (Foto: croisy / pixabay.de)
Von schwach zu stark

Es gibt diese Vielzahl fantastischer Literatur, die nicht anders als eine Art von Bildungsroman sind. Eine Adoleszenzentwicklung, in der die Hauptfigur erwachsen wird und gleichzeitig noch einen Gegner besiegt. Die Grundlage dafür sind die Märchen der Romantik. Waren dort die Figuren sehr eindimensional und eher Stereotypen, kommt ein gelungener Fantasyroman heute ohne die Entwicklung des Hauptcharakters nicht mehr aus. Während Harry Potter seine Schmächtigkeit durch Magie wettmacht, gilt es im körperlichen Kampf, zu trainieren. Wenn es um das nackte Überleben geht, gibt es keinen inneren Schweinehund mehr. Das gilt für Frauen – wie in Diana Dettmanns Elementar Reihe – genauso wie für männliche Protagonisten – einen Fall, den es beispielsweise bei Juliane Maibachs Seelenlosreihe gibt. Nicht alle Autoren gehen so sorgsam mit der Tatsache um, dass es zum Kampf, Kraft braucht. Kräfte aus dem Nichts, in der Eile mit irgendwelchen besonderen Genen (oder ähnlichem) erklärt.

Mit Rock kämpft es sich bestimmt gut – Geschlechterrollen in Fantasyliteratur (Foto: Mark_Mook_Fotografie / pixabay.de)

Aber wo ist dabei das Geschlechterklischee? Während männliche Protagonisten zum Krieger werden, mit Schwert und Faust kämpfen, ist es bei den weiblichen zum großen Teil eine magische Fähigkeit, allenfalls noch Fernkampfwaffen, die sie auszeichnen. Blutigen Zweikampf gibt es kaum – und wenn, dann nur, wenn der Mann heldenhaft zur Seite eilen kann – oder der Gegner eine andere Frau ist. Molly Weasley ist fast den ganzen Harry Potter Epos lang sorgende Mutter. Sie kämpft erst im letzten Band aktiv und tritt in Erscheinung, als Beatrice Lastrange dabei ist, Ginny zu ermorden. Eine reine Frauenrunde also. Und fast scheint es, als wäre es die Mutterschaft selbst, die Molly die nötigen Kräfte verleiht. „Nicht meine Tochter“, sagt sie, ehe Beatrice stirbt.

Alte Muster in neuem Gewand

In meiner ersten Vorlesung in Germanistik an der Uni Mannheim erzählte der Professor, dass Autoren ohnehin nichts mehr Neues schreiben könnten. Alles wäre schon erzählt, jedes Thema durch, es ginge nur noch um Abwandlungen. Natürlich sind es am Ende diese Abwandlungen, die immer wieder den Reiz neuer Geschichten ausmachen. Aber auf die Geschlechterrollen bezogen, ist schon seltsam, dass es den Männern signifikant öfter um Macht, Ruhm, Ehre geht – den Frauen dagegen um Freundschaft und Familie. Wenn ich noch ein Young Adult Romantasy Buch lese, in dem das Mädchen am Ende schwanger ist, klatsch ich es an die Wand. Als wäre die Adoleszenz, die in diesen Büchern aufgezeigt wird, erst mit dem Übergang in die Mutterrolle abgeschlossen. Männliche Helden enden nie derart in der Vaterrolle. Das Muttersein aber als großes Ziel ans Ende des Weges der Protagonistin zu stellen, schrammt die Grenze zum Sexismus schon schwer.

Der Mann ist Krieger per se – Geschlechterrollen in Fantasyliteratur (Foto: dalumian / pixabay.de)

Starke, emanzipierte Frauen – wo sind sie nur? Vielleicht hat mich Sylvia Rieß‘ Erui-Epos darum so fasziniert, weil sie hier tatsächlich eine Figur schafft, die lernen muss, ohne den Liebsten zu kämpfen und zu bestehen. Denn mal abgesehen davon, dass Liebe in Fantasyromanen oft die größte Magie ist (dafür braucht ihr nicht wirklich Beispiele, oder? Die Liste würde verdammt lang), spielt sich auch hier das uralte Muster durch, dass die Frau für die emotionale Natur und der Mann die vernünftige Kultur repräsentiert. Das zieht sich selbst soweit, dass es passiert, wenn der Mann das gefährliche übernatürliche Wesen ist, und bereit ist, von ihr wegzubleiben, um sie zu schützen. Die weibliche Naivität und Unterordnung unter ihren Emotionen sorgt aber dafür, dass sie ihn – wie Eva Adam mit dem Apfel – regelrecht verführt. Die Waffen der Frau? Ich ruf mal schnell im vorletzten Jahrhundert an.

Sexy Wallküren und bebrillte Nerds

Fast scheint es, als verstünden sich Fantasyautoren nur in Extremen. Denn, wenn es dann eine kämpfende Frau gibt oder gar einen körperlich unbegabten Mann, werden diese so überzeichnet, dass sie schon wieder ins Klischee fallen. Die Schwarz-Weiß-Zeichnung, aus der das Genre Fantasy erst mühsam in viele Facetten der Psychologisierung eingetaucht ist, ist bei den Geschlechterrollen definitiv noch nicht angekommen. Frauen ohne Kleid oder unterhosenähnliche Rüstungen sind selten zu finden. Und fast jeder männliche Charakter verliert zwischendurch sein Oberteil, damit der Leser die muskelbepackte Brust bestaunen kann. Na, danke.

Und wenn Hosen, dann nur BH – Geschlechterrollen in Fantayliteratur (Grafik: Mysticartdesign / pixabay.de)

Vielleicht ist die Angst, Irritationen zu wecken, wenn Figuren untypisch sind, aber ich glaube, dass es gerade diese Irritationen sind, die Bücher wie Gesellschaft voranbringen können. Die Frische eines Charakters, der den Klischees widerspricht, ohne überzeichnet zu sein. Nein, das ist nicht leicht, aber dabei reicht es, Schritt für Schritt zu gehen. Und gerade Fantasy würde sich doch wunderbar eignen, Gleichberechtigung durchzuspielen, den Frauen die Naivität und den Männern die Heldenrolle zu nehmen.

Für meine Zeitlose beispielsweise arbeite ich mit den Kontrasten, die eine zeitliche Komponente haben. Eine emanzipierte Frau im Mittelalter, die kämpft und dennoch weiblich bleibt, ist hier schlicht nicht zu verorten – wir wissen, wie es Jeanne d’Arc ergangen ist. Umso wichtiger war für mich, den Rahmen mitzuliefern. Die Gründe, warum die Figur ist, wie sie ist. Und den Unterschied zur Zeitebene in der Gegenwart, in der ganz andre Regeln herrschen. Wo die Fantasy-Literatur mit mystischen Wesen Vielfalt suggeriert, sollte sie das auch mit den Geschlechterzuschreibungen tun.

Die emotionale Frau ignoriert die Vernunft und verführt – Geschlechterrollen in Fantasyliteratur (Foto: panajiotis / pixabay.de)

Mehr zum Thema „Phantastische Realität“

Dieser Beitrag ist durch eine Aktion einiger Autoren des Tintenzirkels entstanden. Wir machen eine kleine Essaysammlung zur „Phantastische Realität“ und betrachten je unterschiedliche Aspekte. Eine Übersicht über die Sammlung findet ihr auf der Webseite von Meara.

Kommentare

  1. Guter Blogpost! 🙂

    In meinem Roman „Blut gegen Blut“ spielen Frauen die Hauptrolle und es kommt sogar zum blutigen Nahkampf hier und da. Damit bin ich auf einem guten Weg, oder? 🙂

    Und das mit der Bekleidung von Frauen in der Fantasy habe ich gerade erst selbst erleben müssen. Ich habe Bildrecherchen gemacht, um Vorlagen zu finden für meine weibliche Antagonistin. Diese trägt aus bestimmten Gründen keine langen Gewänder. Also musste ich weibliche Fantasy-Charaktere mit Hose finden. Und DAS war sehr schwer. Entweder trugen sie untenrum nur ein Höschen oder eben lange Kleider :).

    Am Ende bin ich dann mit Hilfe meiner Twitter-Follower doch noch auf einige gute Beispiele gestoßen, die ich verwenden konnte :).

    Liebe Grüße
    Benjamin Spang

    • Hey Benjamin,
      Schön, dass du einen Schritt in die richtige Richtung gehst😉 Leider ist das Denken gerade in den Publikumsverlagen noch nicht angekommen. Den Artikel hatte ich übrigens vor deiner Bilderrecherche schon geplant, aber ich finde es schön, wenn manche Themen irgendwie zusammen fallen. LG, Eva

  2. Freiberufler

    Nach Lindybeige sind Frauen kostbar und Männer entbehrlich. Population A verliere die Hälfte der zeugungsfähigen Männer und Population B die Hälfte der gebärfähigen Frauen. Preisfrage: Welche Population hat die höhere Geburtenrate?
    Es ist also demographisch sinnvoll, den Herrlichkeiten die gefährlichen Jobs zu überlassen und sie mit testosterongeschwängerten Rollenbildern zu sozialiieren.

    • Ein interessanter Ansatz. Er lässt sich aber auch entkräften. Beispielsweise hat der „Wert“ einer Person wenig Platz, wenn es um Diskriminierung geht. Und ein generelles Gegenbeispiel wäre das der Amazonen, die Männer lediglich zur Nachkommenszeugung benutzt haben, ansonsten aber die Kriegerrolle sehr erfolgreich selbst übernommen haben. Mal davon abgesehen, dass wir – und auch fast alle Fantasyliteratur, die ich kenne, nicht in der Steinzeit spielt. Allein die Gebärfähigkeit verspricht noch nicht, dass eine Frau Kinder bekommt. Diese Annahme ist heute schlichter Sexismus geworden, der Frauen vorschreibt, auch Mutter werden zu müssen.

  3. Pingback: Fantasy, aber bitte mit echten Figuren - Janna Ruth

  4. Die Beiträge zu Phantastische Realitäten verfolge ich mit großer Begeisterung. Auch deinen habe ich gerne gelesen, nicht nur, weil ich ganz deiner Meinung bin: Gerade die Fantasy, die eigentlich ein breites Spektrum an und Experimentierfeld für Geschlechterrollen bieten könnte, ist leider mehr oder weniger eine Sammlung an Klischees. Starke, stolze, mutige Männer, die noch vor dem Abendessen schnell die Welt retten, auf der einen und auf der anderen hingebungsvoll liebende Maiden, deren vordringlichstes Ziel es ist, den Liebsten zum Gatten zu nehmen. Urrgs!
    Sowas mag ich nicht lesen. Ganz unabhängig vom Genre möchte ich richtige Charaktere, keine Instantprodukte aus der Retorte oder aus dem Klischeekatalog. Das birgt natürlich die Gefahr, dass sie scheitern und wie Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden oder wie Olympe de Gouges auf dem Schafott landen. Aber vorher haben sie gelebt und dieses Leben kann man sehr wohl zeigen, auch wenn das Ende tragisch ist. Wer schreibt schließlich vor, dass Fantasy für die Helden gut ausgehen muss? Oder dass das Happy End in einem langen Kuss vor rosarotem Sonnenuntergang bestehen muss?
    Manchmal habe ich das Gefühl, dass Fantasy früher mutiger war. Vielleicht ist das nur ein verklärter Rückblick, aber aus den „Magischen Geschichten“, einer Marion Zimmer-Bradley herausgegebenen Antologiereihe erinnere ich ausschließlich Frauen, die alles andere im Sinn hatten, als Ehemänner. Andererseits gibt es noch Neil Gaiman, China Mieville, Andrzej Sapkowski und den unvergessenen Terry Pratchett. Sie alle haben großartige Charaktere geschaffen, männliche, genauso wie weibliche und das lässt mich hoffen. Schade ist nur, dass mir auf Anhieb keine Frau einfällt, die ich in diese Reihe stellen möchte, mich selbst eingeschlossen. So vermessen bin ich nicht. ^^

    • Liebe Nike, vielen Dank für deinen Kommentar, ich gestehe gerne, dass ich mich etwas geehrt fühle – ich bin selbst regelmäßig auf deinem Blog zu Besuch und wurde noch nie enttäuscht. Vielleicht hast du Recht, und Fantasy hat sich der Popularität ergeben und sich den Klischees gebeugt. Ich denke aber, dass auch das im Aufbruch ist. Weil neben den von dir erwähnten Autoren (die ich ohne Ausnahme für einige der besten halte) immer mehr am Geschlechterstereotyp schrauben. Leider ist die gegenläufige Variante noch immer oder auch wieder in der Überzahl. Immerhin kanalisiert Literatur immer einen Teil der Wirklichkeit und wir dürfen nicht vergessen, dass gerade hier ein erschreckender Trend zu erkennen ist. Staatsoberhäupter, die unverfroren die Frauen schlecht reden, als Menschen zweiter Klasse ansehen. Parteien, die konsequent die Frau am Herd sehen, umringt von einer Kinderschar. Für mich ein Grund mehr Gegenstimmen zu liefern, sofern ich es schaffe. Denn auch da will ich dir gerne zustimmen: solche Figuren zu entwerfen ist nicht leicht, denn auch wir Autoren werden permanent von unserem Umfeld und dessen Vorstellungen geprägt. Lg

  5. Hach ja, Geschlechterrollen. Das ist etwas, worüber ich in jedem Buch, das ich schreibe, ausgiebig reflektiere (natürlich im Vorfeld) und dann beim Überarbeiten abklopfe, ob mir was durchgerutscht ist.
    Ich habe eine Welt erschaffen, die bewusst sehr sexistisch ist – dabei aber den Spieß umdreht. Sätze wie „Du bist ja gar nicht so blöd, dafür, dass du ein Mann bist“ fallen da das eine oder andere Mal. Es ist ja auch ein sexistisches Klischee, dass ein von Frauen regierter Staat automatisch eine glückliche, bisexuelle Utopie ist. Ich habe mir das zur Brust genommen und versucht, logisch zu durchdenken.
    Wodurch ich dann hadernde Herrscherinnen und aufmuckende Ehemänner habe, die das Recht auf einen Befreiungsschlag haben.
    Na mal sehen, wie das bei Verlag und Publikum ankommt *grübel*

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