Ein Plädoyer für Lyrik oder: Wann habt ihr zuletzt ein Gedicht gelesen

Vor ein paar Wochen ging es in meinem Einführungskurs an der Uni um Lyrik. Der Unmut bei den Studentinnen (in meinem Kurs gibt es keinen Studenten) hing in der Luft, ich hätte gerne herzlich losgelacht. Also stelle ich die Gretchenfrage. „Wer von euch liest denn privat Gedichte?“ Ungläubige Blicke, beschämtes Nacht-Unten-Sehen, manche schüttelten die Köpfe. Keine. Von knapp zwanzig Germanistik-Studentinnen las keine einzige privat Gedichte. Ich dankte im Stillen mal wieder der Schule für nichts. Kaum ein Deutschlehrer (oder eine Lehrerin) kann Schüler*innen für Gedichte begeistern. Klar, denken manche. Liegt auch an den Gedichten. So Nichts- und Allessagend. So träge und steif. Und man muss sie tot-interpretieren. Es zieht mir die Zehennägel hoch. Das stimmt einfach nicht.

Lyrik und langweilig? Weit gefehlt! (Foto: Pexels / pixabay.com)
Mehr statt weniger

Eine gute Interpretation, das eine vorweg, bereichert ein Gedicht und zerhackt es nicht. Sie zeigt Feinheiten und Vielfalt, Möglichkeiten und Bilder. Eine Interpretation belebt ein Gedicht und tötet es nicht. Das wissen wir nicht, wenn wir eine Doppelstunde lang Metren leiern und Alliterationen einfärben müssen. Wir wissen es nicht, weil wir stupide nach Muster vorgehen, statt Lyrik als das zu nehmen, was sie ist. Eine höchst subjektive Literaturgattung. Ihr kennt den Spruch, dass man 100 Autoren ein Thema sagen kann und es kommen 100 unterschiedliche Geschichten heraus – selbst, wenn Exposé vorhanden wäre oder eine Struktur in Excel-Tabellen-Format. Wir würde erkennen, dass die Basis die gleiche ist. Wenn wir 100 Lyrikern ein Thema geben, bekommen wir 100 Texte, die so unterschiedlich sind, dass wir die Basis auf den ersten Blick überhaupt nicht finden würden.

Lyrik ist subjektiv im Schreiben und im Lesen. Wenn wir einen Text 100 Lesern/Leserinnen geben, wird jeder dieser Menschen das Gedicht anders verstehen. Ein Gedicht muss interpretiert werden. Es fordert den Leser auf, mitzudenken. „Das ist halt keine leichte Unterhaltung“, wurde in meinem Kurs gesagt. Au contraire. Nichts könnte leichter sein als das. Denn wir interpretieren instinktiv. Unser Assoziationsmodus läuft warm, wenn es an Gedichte geht. Ein Wort hat plötzlich abertausend Bedeutungen. Und KEINE ist RICHTIG. Weil es RICHTIG in der Lyrik nicht gibt (auch wenn unsere Deutschlehrer das immer behaupten (Sorrynotsorry)). Solange wir erklären können, warum wir ein Wort auf die eine Art verstehen und nicht etwa auf die andere, kann daran gar nichts falsch sein (zugegeben, es kann unwahrscheinlich sein, im schlimmsten Fall widerlegbar, aber auch dann ist es nicht falsch, weil die Assoziation dennoch mitschwingen kann).

Kontext ist alles

Was uns aber bei den meisten Gedichten fehlt, die wir im Laufe unseres Erstkontakts mit Lyrik vorgesetzt bekommen, ist Kontext. Wenn wir immer wieder nachlesen müssen, was dieses Wort in jener Zeit für eine Bedeutung hat, kommen wir ins Straucheln. Paul Celans Todesfuge ist für uns trotz der Dichte wesentlich einfacher zu lesen als beispielsweise Martin Opitz` Sonett von der Liebsten Augen. Letzteres habe ich kürzlich mit meinen Studentinnen durchgenommen. Barocke Lyrik. Vollkommen anderer Kontext. Vollkommen „fremder“ Hintergrund. Am Ende konnten wir darüber lachen, über die Einfachheit der Symbolik, über die Bedeutung dahinter, über das Aufleben des Petrarkismus in Young Adult Fantasyromanen mit Jungs, die glitzern. Weil der Kontext uns eben doch nicht „vollkommen“ fremd ist. Weil er sich eingenistet hat und mitschwingt.

Der Kontext moderner Lyrik ist für und dann noch einfacher zu deuten. Wir vollbringen das fast täglich – lasst uns nicht vergessen, dass Liedtexte nichts anderes als Lyrik sind. Und dass es sie in unzähligen Variationen gibt. Nicht jede*r wird die Gedichte, die ich hier zum neunten Geburtstag meines Sohnes eingestellt hatten, „nachfühlen“ können, anderen finden vielleicht meine Verwandlung eher eklig, während einige sofort „verstehen“, was gemeint ist. Lyrik ist genau das. Höchst subjektiv, für jeden anders, vielseitig, kontextabhängig. Was sie aber nicht ist, was wir geradezu „angelernt“ bekommen: starr, langweilig, kompliziert. Abschließen möchte ich mit einem großen modernen Lyriker, Robert Gernhardt, der 2006 verstorben ist. Seine Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs drückt im Grunde viel von dem aus, was ich sagen will. Lyrik wurde uns miesgemacht. Wir glauben, sie zu hassen. Doch sie steckt tiefer in uns drin, als wir wahrhaben wollen. Viel Spaß beim Lesen😊. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir unter #Lyrikliebe auf den SoMes eure Lieblingsgedichte/-dichter*innen nennt.

Kommentare

  1. Hach ja, die gute alte Lyrik. Während ich bereits mit 13 Shakespeare verschlang, hasste ich die Behandlung von Lyrik in Deutsch. Dieses Kaputt-Interpretieren und doch waren meine Interpretationen aus der Sicht des Vortragenden immer falsch. Gut, ich muss zugeben ich hatte schon damals eine sehr ausgeprägte und spezielle Phantasie und sah dadurch so manches anders und manchmal war es auch Provokation des Vortragenden. Aber wie Du in Deinem Artikel so treffend erwähnst…es gibt im Grunde keine falsche Interpretation. Deinen Beitrag sollte sich so manche Literatur-Prof. und Deutschlehrer zu Gemüte führen.
    Liebe Grüße aus Wien

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